Leseprobe: Wir(r) im Kopf

"Auktionsstress"

Eine von 18 Geschichten um den professionellen Killer mit den vier Persönlichkeiten im Kopf:

„Na hallo, Jens, mein Lieber“, ruft Romy erfreut, als ich durch die Tür ihrer Glasgalerie in Frauenau trete, „mit dir hatte ich ja nun gar nicht gerechnet… Warum hast du nicht angerufen, dass du…? Bis vorhin war der Vladimir da, der…, wenn der gewusst hätte…, hhm, woasst scho… Was treibt dich her? Bist auch bei der Dr. Jäger-Auktion in Zwiesel, oder?“.
Sie nimmt uns erst einmal in den Arm und drückt mich herzlich. „Das ist so schön, dass du da bist…“, bestätigt sie den herzlichen Empfang noch einmal mit Küssen auf die Wange.
Sie freut sich immer so, wenn ich wieder mal bei ihr reinschaue – ist ja auch ein verdammt weiter Weg jetzt von Ostholstein bis nach Frauenau im Bayerischen Wald. Früher, als wir noch in München gewohnt haben, haben wir Romy häufiger gesehen.
Romy ist keine Kundin. Sie ahnt auch nichts von den Vier in unserem Kopf und von unserer Profession. Sie hält mich/uns für jemanden, der sich Glaskunst leisten kann, sie denkt, ich hätte mal im Internet-Business Geld gescheffelt, würde hobbymäßig „so rumknippsen“, und würde mein Geld jetzt für Studioglas ausgeben.
Hatte ich das nicht schon einmal erwähnt?

„Nee, hast du nicht“, unterbrechdenkt Mari mich.
Sie mag Romy auch. Die beiden schwatzen gerne. Mari bewundert bei Romy insgeheim, dass die jeden Bildwerkstress mit den postmenopausalen veganen Kunstgewerblerinnen dort genauso vergisst, wie die Vorwehen der morgigen Auktion, wenn ein Freund auftaucht. Romy weiß natürlich nichts von Mari, ahnt nicht einmal von ihr. Romy denkt, sie palavert immer mit mir, also Jens, über Kunst und Künstler und manchmal auch „so Frauenthemen“, und dass ich mehr als jeder andere Mann „von so etwas“ viel verstehe – dabei redet sie ja dann in Wirklichkeit mit Mari, die Glas genauso liebt und sammelt wie ich und wie inzwischen auch Ernst.
Mari findet, dass das schon okay ist und dass ich Romy nichts von den anderen in unserem Kopf erzählen soll.
„Das verwirrt Romy nur“, findet Mari, „dann fragt sie nachher nur immer, mit wem sie gerade spricht, nee, lass man lieber, Jens. Lass´ es man so, ist besser, glaube ich.“…
Rudi mischt sich im Bayerischen Wald fast nie ein, er interessiert sich erstens nicht für Glas und kommt zweitens mit dem Niederbayerischen oder besser „Waldlerisch“, das sie hier reden, noch weniger zurecht als wir anderen. Die Glasmacher in der Hütte haben sich früher sogar häufig einen Spaß daraus gemacht, besonders „dialektisch“ zu reden, wenn ich kann. Denn dann habe ich nicht das kleinste Wort verstanden. Im Gegenzug zu ihrem Kauderwelsch haben sie mich gebeten, einfach mal ´was zu erzählen, weil, mein Dialekt „von da droben, vom Meer“ so lustig sei …
„Du solltest es aber erzählen“, denkt Mari auf Ernst´s Einwand hin und Ernst macht das, was ich als gedankliches Pendant zum intensiv-bestätigenden Kopfnicken interpretiere, „sonst versteht ja keiner, was wir hier machen!“
Tja, also, nun muss ich für Sie zwischendurch wohl einmal etwas ausholen. Aber wo fange ich am besten an?
„Vielleicht am Anfang“, schlägt Mari vor.
„Mit dem Glas“, ergänzdenkt Ernst. Rudi rührt sich nicht, er hat Bayerwaldschonhaltung.
„Klugscheißer“, denkgifte ich zurück und, „denn mach´ du das doch!“. Das Erste ist in Richtung Mari, das Zweite in Richtung Ernst gedacht.
„Von mir aus“, sagdenkt Ernst lässig. Er ist eh der Intelligenteste von uns. Obwohl, am Anfang war er ja gar nicht dabei, er ist ja erst später in unserem Kopf aufgetaucht. Aber da wir uns ein Gehirn teilen (müssen), verfügt er in weiten Teilen über unseren gemeinsamen Erinnerungsschatz – er weiß also alles, zumindest das Meiste, auf jeden Fall alles Wichtige, auch weil sein Zimmer in der Region unseres Gehirnes liegt, in der wir unsere Glaserinnerungen speichern.
Also übergebe ich und Sie lesen jetzt Ernst.

So, hallo, wir sind Glassammler. „Glas“ ist – salopp gesprochen – eine der am wenigsten anerkannten Kunstformen, kommt in der Masse der Bevölkerung vom Interesse her wahrscheinlich noch weit hinter „Kunstfurzen“…
„Ernst!“, warndenke ich, „das hätte ich jetzt vielleicht von Rudi erwartet, aber nicht von dir.“
„Was ist los?“, knurrdenkt Rudi durch die angelehnte Tür, „Wieso von mir…? Wieso bin ich hier eigentlich immer der Primitivling?“
„Schon gut“, beruhigdenke ich in Richtung Rudis Tür, „war nicht so gemeint, Rudi.“
„Dann denke das auch nicht“, kommt es noch durch den Türschlitz, dann ist wieder Ruhe auf der Agora. Mari schmunzeldenkt indifferent.
Glaskunst, von Künstlern gestaltetes Glas, wird nur von wenigen Menschen gesammelt – von uns schon. Es ist ja auch so, dass der „durchschnittliche“ Glaskünstler keine künstlerische oder gar akademische Ausbildung hat, er kommt eher von der handwerklichen Glasmacherseite. Deshalb sind trotzdem sehr viele sehr schöne Objekte entstanden. Einige davon könnten Sie bei uns betrachten, wenn Sie mal herein schauten. Aber dass akademisch ausgebildete Künstler Glasobjekte gestalten und sie von Glasmachermeistern ausführen lassen, gibt es nur selten. Romy hat dazu eigens ein Programm mit der Glashütte laufen, das sich ARTIST IN RESIDENCE nennt, ansonsten gibt es unseres Wissens so ein schöpferisches Zusammenwirken nur noch in Venedig.
Jedenfalls, in unseren beiden Wohnungen in München, also in der von uns Jungens und in der von der Mari, stehen diverse Vitrinen voller Glas: Vasen, Gläser, Plastiken. Studioglas nennt das der Fachmann. Und außerhalb der Vitrinen steht auch noch einiges. Wir haben relativ viel Geld darin investiert – aber bei manchen Aufträgen kommt ja ganz schön ´was rum…  
Für „versenktes Geld“ hält Rudi das, wir anderen nicht, wir lieben unsere kleinen und großen Schätze. Als Mari, Rudi und Jens sich entschlossen, für einige Jahre in das Haus unserer Eltern zwischen Kiel, Preetz und Plön zu ziehen, haben sie eine Vitrine und ihre Lieblingsstücke mitgenommen.
Jetzt kommt aber Romy wieder ins Spiel – sie leitet also eine Glasgalerie in Frauenau. Frauenau ist neben dem nur wenige Kilometer entfernten Zwiesel eines der letzten „Herzen“ der deutschen Glasindustrie. Hier gibt es noch richtige Glashütten, in denen Gebrauchsglas mit dem Mund geblasen wird. Und ein Museum. Und natürlich die von Romy geführte Galerie, die ganz besonders.
Die gehört zwar zu einer der Glashütten am Ort, aber Romy ist der künstlerische Kopf der Galerie: Romy sucht die Künstler aus, die hier vertreten sind. Romy hat da echt ein Händchen ´für… Und nicht nur deshalb hat sich eine tiefe Freundschaft zwischen uns und Romy entwickelt.
Wenn wir gerade mal keinen Job hatten, haben wir ihr manchmal geholfen. Zum Beispiel haben wir Fotos oder Skizzen von Objekten gemacht, Hilfsarbeiten eben.
Nun sind wir wieder mal da, denn morgen wird in Zwiesel eine Versteigerung von Glasobjekten stattfinden. Das Auktionshaus Dr. Jäger macht sie schon seit langem, jeweils einmal im Jahr. Hier in Zwiesel werden (das wissen die Sammler) zwar nicht die „Sahnestücke“ verkauft, aber schon auch gutes Zeugs… Zu dieser Auktion kommen nicht nur aus der Bundesrepublik die Sammler nach Zwiesel.
Die ganz Wichtigen und Museen bieten via Telefon, das gehört sich so. Uns interessiert nur modernes Studioglas, das andere, der „alte Kram“, das sogenannte historische Glas, dagegen nicht. Gar nicht.
Aber wenn wir schon in Zwiesel sind, besuchen wir natürlich Romy in ihrer Galerie. Nach Frauenau ist es von Zwiesel aus ja nur ein Katzensprung. Und ganz ehrlich, wahrscheinlich wollten wir Romy gerne mal wieder treffen, und wir haben die Versteigerung im Nachbarort als Vorwand genommen, um herzufahren. Jetzt wissen Sie Bescheid. Ach so, damit Sie Romy auch immer verstehen: Sie spricht eine Art Code, bei dem der wichtigste Inhalt häufig unausgesprochen bleibt: „Woasst scho, hhm…“ oder „ja, hhm.“
Zuerst, also nach den Umarmungen, gibt es immer einen von ihren sagenhaften Kaffees. Ohne den geht gar nichts.
Natürlich nur einen für uns vier, sie weiß ja nichts von der ganzen Rasselbande in unserem Kopf – andererseits haben wir vier ja nur einen Körper mit zwei Nieren, da wäre mehr als ein Kaffee vielleicht zuviel…
Zum Kaffee wird natürlich geplaudert: „Hast du schon…? Kennst du schon? Du, der…, hhm, woasst scho…! Ach, ich hab´ da noch etwas für dich…“.
Romy kriegt nix davon mit, dass wir vier (oder nur drei, Rudi kommt ja nicht aus seinem „Zimmer“) sind, auf ihrer Seite schafft sie das Inhaltliche ganz alleine. Wobei ich bei den Antworten davon ausgehe, dass in ihrem Kopf nur eine Romy lebt, nicht mehrere wie bei uns - aber man weiß ja nie… Manchmal erscheint sie im Gespräch so abgelenkt („Hhm, woasst scho…“, sagt sie oft), da erinnert sie mich durchaus an unsere Situation, wenn wir nach außen mit jemandem reden und intern diskutieren! Aber lassen wir das jetzt.
Sie erzählt uns jetzt gerade, dass Ezechiel und sein Intimfeind Dr. Miesmann „natürlich“ auch da sind – wegen der Versteigerung „und so“.
Ezechiel ist ein guter Bekannter von uns, fast so etwas wie ein Freund. Er sammelt Glas des Historismus. Dr. Miesmann auch, das heißt, er sammelt auch „Historismus“, ein Freund ist er nicht, keinesfalls, man grüßt sich, wenn man sich sieht, das ist alles.
Zwischen Ezechiel und Dr. Miesmann besteht eine langjährige Intimfeindschaft. Klar, Ezechiel versteht etwas von Glas, andererseits verfügt er aber im Vergleich zu seinem Konkurrenten nur über beschränkte finanzielle Mittel. Wobei sein „beschränkt“ nicht sooo beschränkt bedeutet, er kann sich schon ´was leisten, mehr als der Durchschnittssammler allemal.
Dr. Miesmann ist dagegen so richtig reich. Manche munkeln über die Herkunft des Vermögens, dass der Vater es damals im Dritten Reich auf sehr obskure Art und Weise peu á peu von jüdischen Mitbürgern „übernommen“ habe – und Miesmann senior soll da auch nicht sehr etepetete gewesen sein, wenn ich das mal so burschikos sagen darf… Sie verstehen?
Na gut, weil Sie es sind: Es gibt Fotos in der einschlägigen Literatur (z.B. „Deutsche Panzerverbände im Osten“, erschienen 1942 in Berlin), auf denen Vater Miesmann immer ganz in schwarzer Uniform mit Reitstiefeln abgebildet ist.

...


 

Soweit die Leseprobe. Wer mehr wissen will (was das Kriminelle ist und wie´s ausgeht, oder so?), der kann sich das Buch in der Galerie am Museum in Frauenau besorgen.

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